Rotlicht für die Sinne, Akkorde für das
Tanzbein und ein Lächeln für vier Euro. So viel kostet der
Eintritt in der Kölner Diskothek Roseclub. Es ist
Samstagabend. Vom Bahnhof Süd sind es nur ein paar Schritte in
die kleine, jedoch über die Stadtgrenzen hinaus bekannte
Bastion für „alternative Musik“. Manch einer sagt heute
„Grunge“ dazu. Gemeint ist ein Musikstil, der die Kernelemente
aus Punkrock und Heavy Metal kombiniert. Ein Bandname muss in
diesem Zusammenhang fallen: Nirvana. Ein großer Teil der
Popmusik im Jahr 2004 hat hier seine Wurzeln. Ebenso das
Lebensgefühl der heute 20- bis 30-Jährigen.
Der Roseclub ist ein gemütliches Tanzlokal im typischen
Stil einer Millionenstadt. Anders als in den gigantischen
Großraumdiskotheken auf dem Land gibt man sich hier mit wenig
Platz und einer genügsamen Ausstattung zufrieden. Auf den
Tischen gibt es Chips in Glasschälchen, an den schwarzen
Wänden reiht sich Licht in Form von roten Rosen aneinander.
Als Gitarren erkennt man sie erst auf den zweiten Blick
wieder. Die Toiletten sind eng, messen knapp drei mal vier
Meter.
Auch Nirvana-Sänger Kurt Cobain hat seine Notdurft schon im
Kölner Innenstadtclub verrichten müssen. Als er 1989 mit einer
ziemlich leeren Geldbörse, dafür aber sternhagelvoll ins
Herrenklo hastet, ist er nichts weiter als der unbeachtete
Sänger einer amerikanischen Vorstadtband. In ihrer Heimat
stehen sie nicht einmal im Halbschatten der großen Rockstars,
und vor ihrem Auftritt im Roseclub kennt sie erst recht kein
Mensch.
Drei Jahre später führt das Trio aus Seattle mit einem
Ohrwurm die Hitparaden aller Länder an. Der Musiksender MTV
sowie das Musikmagazin „Rolling Stone“ finden das
Gitarrenstück „Smells Like Teen Spirit“ so wegweisend, dass
sie es nach „Yesterday“ und „Satisfaction“ auf Platz drei
ihrer Rangliste der 100 wichtigsten Popsongs aller Zeiten
setzen.
Riecht man im Kölner Roseclub den Teen Spirit noch immer?
Es ist Mitternacht, die Musik wird ständig lauter, der Platz
zum Stehen knapp. Daniel Juwig ist aus Jüchen allein
hergekommen, um mit ein paar Gläsern Kölsch den
Studentenalltag hinunterzuspülen. Schulterlanges Haar und ein
Piercing über dem linken Auge machen ihn nicht gerade zum
Schwiegersohn aus dem Lehrbuch. Doch nicht zuletzt das
verbindet ihn mit den bekennenden Antihelden von
Nirvana: Kurz vor Kurt Cobains Selbstmord stolperte der
24-Jährige in einem Plattenladen eher zufällig über das letzte
Nirvana-Album „In Utero“ und war sofort gepackt. „In ihnen
erkannte ich einen weiteren Schritt nach den Beatles und den
Doors. Es war faszinierend, wie einfach und simpel Kurt Cobain
all das ins Mikrofon schrie, was ihn und die Jugend bewegte.
Und dieses einfache Mittel kann man noch heute in der Musik
beobachten.“
Bei Daniel Juwig sind die Nirvana-Scheiben im
Plattenschrank nach hinten gerückt. Auch im Roseclub werden
Nirvana nicht zwangsläufig gespielt, an diesem Samstagabend
kein einziges Mal. Während Daniel Juwig an seinem zweiten
Kölsch nippt, wandert sein Blick musternd über die
vorbeirauschenden Gestalten. Nass geschwitzte Menschen eilen
von der Tanzfläche in den Toilettenbereich. Sie alle haben
ihre Abneigung gegenüber Spießbürgerei genügend nach außen
gekehrt. Gibt es noch eine Grunge-Szene? Juwig guckt
erstaunt. Grunge sei keine Szene, keine Mode, sondern vor
allem eine Lebensphilosophie: „Zieh dein Ding durch und lass
dir von niemandem reinreden.“
Das hat sich auch Franziska Fischer zu Herzen genommen. In
ihrem faltenfreien Hosenanzug wirkt sie wie das Abziehbild
einer geordneten Welt, die mit dem rebellischen Anstrich des
Grunge nichts zu tun hat. Sie ist, wie Kurt Cobain, Jahrgang
1967 und nur wenige Tage jünger als das langhaarige Rockidol.
Bewusst hat sie sich mit ihrer Cola am Rande, an einer dieser
leuchtenden Rosen, postiert, um das Treiben um sie herum zu
beobachten.
Ausgerechnet sie hat Nirvana live gesehen, noch bevor der
große Medienrummel um die Band ausbrach. Heute arbeitet sie in
einer Kölner Bank. Nirvana haben für sie musikalische Berge
versetzt – solche, die zuvor im Verborgenen geblieben und von
der Weltöffentlichkeit ignoriert worden waren: „In den
Achtzigern gab es in den Charts kaum noch handgemachte Musik.
Nirvana haben den Rock 'n' Roll neu erfunden.“ Für eine eigene
Szene, meint sie, habe es dann aber nicht gereicht. Vielmehr
hätten sie auf die amerikanische Independent-Musik aufmerksam
gemacht.
Um halb zwei Uhr nachts lässt auch Ute Ahrends mit ihrer
Clique den hell erleuchteten Eingangsbereich hinter sich. Die
Pädagogikstudentin, heute 23, ist vor über zehn Jahren durch
ihren damaligen Freund auf Nirvana aufmerksam geworden. Noch
von der Kälte im Gesicht gezeichnet, fängt sie an auszuholen:
„Nirvana kamen für mich direkt nach TKKG und Roxette. Der
melancholische Anklang in vielen Liedern hat den Gemütszustand
meiner Pubertät sehr gut getroffen.“ Gerade die
unterschwellige Verweigerungshaltung habe von so vielen
Teenagern nachempfunden werden können. Allein deshalb sähe die
Musiklandschaft ohne sie anders aus.
Und tatsächlich: Kurt Cobain ist mehr als der „bekannteste
Selbstmörder jüngerer Popkultur“ (Ulrich Baron im Rheinischen
Merkur). Der junge Musiker ist der Störfall im Abspann der
vermeintlich störfreien Nach-68er. Cobain hat die lediglich
27-jährige Haltbarkeit von Rockpoeten nicht erfunden, sondern
bei Jim Morrison und dergleichen abgeschaut. Cobain ist
darüber hinaus nicht der Erste, um dessen Tod sich zahlreiche
Verschwörungstheorien ranken. Cobain schaffte es allerdings
als Einziger, in einer rebellenarmen Zeit das Rebellieren neu
zu definieren. Sein Instrument hieß Totalverweigerung.
Ein Rückblick auf die anklingenden Neunziger: Ibiza und
Aerobic stehen nach dem Ausverkauf der alternativen
Lebensentwürfe hoch im Kurs. Die Weltverbesserei der letzten
Jahrzehnte scheint längst einer neuen Selbstgerechtigkeit
gewichen zu sein. So weit kommt auch Florian Illies,
vereidigter Kronzeuge der viel zitierten Generation Golf.
Derweil steigen die „New Kids on the Block“ als erste Boyband
aus der Retorte, David Hasselhoff besingt den amerikanischen
Traum, und Matthias Reim stürmt mit einer weich gespülten
Liebesbotschaft die deutschen Charts.
Amerika kämpft am Golf, Macaulay Culkin im Kino gegen
Einbrecher und Nirvana einmal mehr um die Gunst von
Konzertbesuchern. Sie spielen auf sämtlichen Festivals und im
Vorprogramm der namhaften Sonic Youth, werden auf Plakaten
jedoch meist als letzte Band genannt. Nach dem
600-Dollar-Debüt „Bleach“ veröffentlichen sie mit „Nevermind“
im September 1991 ein vergleichsweise ruhiges Album. Dennoch
ist es um Längen härter als das, was in jenen Tagen den Markt
beherrscht.
MTV findet Gefallen an der Single-Auskopplung „Smells like
Teen Spirit“ und spielt sie in der höchstmöglichen Rotation.
Bereits im Oktober wird „Nevermind“ vergoldet und verdrängt
Michael Jackson vom ersten Platz der amerikanischen
Albumcharts; zeitweise verkauft die Band mehr als 300 000
Pressungen pro Woche.
Kurt Cobain kommt mit der blitzartigen Popularität nicht
klar, flüchtet sich in He-roinexzesse und treibt ein
höhnisches Spiel mit den Medien. Sein Leben mutiert zu einem
Kampf gegen sich selbst und gegen eine Gesellschaft, die er
bereits in Kindertagen zu missachten lernte. Seine Eltern
schoben den Ungeliebten mit acht Jahren zu Verwandten nach
Aberdeen ab. Einige Jahre später lebt er tagelang unter einer
Brücke – von Dosenfisch und Kartoffelchips.
In seinem lautstarken Protest schreit er heraus, was viele
Altersgenossen bisher nur leise dachten. Seine Mischung aus
vorsätzlicher Provokation, militantem Desinteresse und der
Missachtung von gängigen Kleidernormen gefällt denen, die sich
im Ellenbogenkampf des Alltags ähnlich desorientiert fühlen.
Nach drei weiteren Veröffentlichungen nimmt sich Kurt
Cobain am 5. April 1994 mit einer Schrotflinte das Leben. Ein
Elektriker findet ihn Tage später auf dem Fußboden seiner
Garage. Angeblich kann er nur anhand der Zähne identifiziert
werden.
Zurück im Nachtleben der Domstadt. Gut zwei Dutzend
Hartgesottene haben ihre Standhaftigkeit vor der schleichenden
Müdigkeit bewahrt. Es ist früher Sonntagmorgen, als das letzte
Lied durch die Lautsprecherboxen schallt. Kurt Cobain hätte in
seinen besten Jahren noch stundenlang weiterfeiern können. Im
Roseclub gilt auch für die Rebellion eine Sperrstunde.
Als sich der Unruhestifter die Kugel gab, war Sebastian
Trella sieben. Heute organisiert der Schüler Nirvana-Fans in
Deutschland. Eine Freundin hatte ihm vor ein paar Jahren ihre
Nirvana-Alben zugesteckt. Der 17-Jährige aus Troisdorf war auf
Anhieb begeistert. Spontan entschloss er sich, der Band aus
Seattle mit „nirvanafanclub.de“ ein Denkmal im Internet zu
setzen. Trella ist überzeugt: „Nirvana sind eine Musiklegende,
auch zehn Jahre nach Kurt Cobains Tod. Für viele Musikfans ist
er heute noch ein Vorbild, weil er sich keinen Regeln und
keinen Normen unterworfen hat.“
Die ungebrochene Faszination kommt für ihn nicht von
ungefähr: „Viele Mitglieder schreiben, dass sie sich genau wie
Kurt Cobain fühlen. Seine Musik spiegelt ihre Gefühle wider
und spendet ihnen Kraft.“ Die Nirvana-Fans werden mehr – und
jünger.
Kurt Cobain hat nicht nur den Lebensweg seiner Anhänger
mitgezeichnet. Noch immer berufen sich Musiker auf ihn, wenn
sie gesellschaftskritischen Anspruch erheben. Für andere hat
er das Feld bestellt: Die Echo-Gewinner „Wir sind Helden“
hätten es mit ihren tönenden Aufrufen zum Konsumverzicht wohl
nie so weit geschafft, wenn nicht das
Plastik-Barbie-Musikgeschäft durch Nirvana aufgebrochen worden
wäre.
Und noch was: Wo immer junge Menschen in Jeans und
abgewetzten Turnschuhen heute wie selbstverständlich in
Konferenzräumen sitzen – ohne die vorauseilende Dreistigkeit
eines Kurt Cobain wären sie mit feinem Zwirn besser beraten.
Externe Links: http://www.nirvanafanclub.de/, http://www.nirvana.de/