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Porträt (Nr. 14, 01.04.2004)

JUGENDSZENE / Vor zehn Jahren erschoss sich Kurt Cobain, Chef der Band Nirvana, und wurde damit erst recht zum Idol. Leben seine Ideen noch?

Rebellion mit Sperrstunde

Die Musik als vertonte Lebensphilosophie: Werde nie ein glatt gebügelter Erfolgstyp! Aus manchem Fan von damals ist genau das geworden.

AUFSTAND: Laut und authentisch schrie Kurt Cobain (Mitte) das Lebensgefühl der „Generation X“ heraus. Foto: S.I.N/Corbis

Autor: KONSTANTIN KEHL

Rotlicht für die Sinne, Akkorde für das Tanzbein und ein Lächeln für vier Euro. So viel kostet der Eintritt in der Kölner Diskothek Roseclub. Es ist Samstagabend. Vom Bahnhof Süd sind es nur ein paar Schritte in die kleine, jedoch über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Bastion für „alternative Musik“. Manch einer sagt heute „Grunge“ dazu. Gemeint ist ein Musikstil, der die Kernelemente aus Punkrock und Heavy Metal kombiniert. Ein Bandname muss in diesem Zusammenhang fallen: Nirvana. Ein großer Teil der Popmusik im Jahr 2004 hat hier seine Wurzeln. Ebenso das Lebensgefühl der heute 20- bis 30-Jährigen.

Der Roseclub ist ein gemütliches Tanzlokal im typischen Stil einer Millionenstadt. Anders als in den gigantischen Großraumdiskotheken auf dem Land gibt man sich hier mit wenig Platz und einer genügsamen Ausstattung zufrieden. Auf den Tischen gibt es Chips in Glasschälchen, an den schwarzen Wänden reiht sich Licht in Form von roten Rosen aneinander. Als Gitarren erkennt man sie erst auf den zweiten Blick wieder. Die Toiletten sind eng, messen knapp drei mal vier Meter.

Auch Nirvana-Sänger Kurt Cobain hat seine Notdurft schon im Kölner Innenstadtclub verrichten müssen. Als er 1989 mit einer ziemlich leeren Geldbörse, dafür aber sternhagelvoll ins Herrenklo hastet, ist er nichts weiter als der unbeachtete Sänger einer amerikanischen Vorstadtband. In ihrer Heimat stehen sie nicht einmal im Halbschatten der großen Rockstars, und vor ihrem Auftritt im Roseclub kennt sie erst recht kein Mensch.

Drei Jahre später führt das Trio aus Seattle mit einem Ohrwurm die Hitparaden aller Länder an. Der Musiksender MTV sowie das Musikmagazin „Rolling Stone“ finden das Gitarrenstück „Smells Like Teen Spirit“ so wegweisend, dass sie es nach „Yesterday“ und „Satisfaction“ auf Platz drei ihrer Rangliste der 100 wichtigsten Popsongs aller Zeiten setzen.

Riecht man im Kölner Roseclub den Teen Spirit noch immer? Es ist Mitternacht, die Musik wird ständig lauter, der Platz zum Stehen knapp. Daniel Juwig ist aus Jüchen allein hergekommen, um mit ein paar Gläsern Kölsch den Studentenalltag hinunterzuspülen. Schulterlanges Haar und ein Piercing über dem linken Auge machen ihn nicht gerade zum Schwiegersohn aus dem Lehrbuch. Doch nicht zuletzt das verbindet ihn mit den bekennenden Antihelden von Nirvana: Kurz vor Kurt Cobains Selbstmord stolperte der 24-Jährige in einem Plattenladen eher zufällig über das letzte Nirvana-Album „In Utero“ und war sofort gepackt. „In ihnen erkannte ich einen weiteren Schritt nach den Beatles und den Doors. Es war faszinierend, wie einfach und simpel Kurt Cobain all das ins Mikrofon schrie, was ihn und die Jugend bewegte. Und dieses einfache Mittel kann man noch heute in der Musik beobachten.“

Bei Daniel Juwig sind die Nirvana-Scheiben im Plattenschrank nach hinten gerückt. Auch im Roseclub werden Nirvana nicht zwangsläufig gespielt, an diesem Samstagabend kein einziges Mal. Während Daniel Juwig an seinem zweiten Kölsch nippt, wandert sein Blick musternd über die vorbeirauschenden Gestalten. Nass geschwitzte Menschen eilen von der Tanzfläche in den Toilettenbereich. Sie alle haben ihre Abneigung gegenüber Spießbürgerei genügend nach außen gekehrt. Gibt es noch eine Grunge-Szene? Juwig guckt erstaunt. Grunge sei keine Szene, keine Mode, sondern vor allem eine Lebensphilosophie: „Zieh dein Ding durch und lass dir von niemandem reinreden.“

Das hat sich auch Franziska Fischer zu Herzen genommen. In ihrem faltenfreien Hosenanzug wirkt sie wie das Abziehbild einer geordneten Welt, die mit dem rebellischen Anstrich des Grunge nichts zu tun hat. Sie ist, wie Kurt Cobain, Jahrgang 1967 und nur wenige Tage jünger als das langhaarige Rockidol. Bewusst hat sie sich mit ihrer Cola am Rande, an einer dieser leuchtenden Rosen, postiert, um das Treiben um sie herum zu beobachten.

Ausgerechnet sie hat Nirvana live gesehen, noch bevor der große Medienrummel um die Band ausbrach. Heute arbeitet sie in einer Kölner Bank. Nirvana haben für sie musikalische Berge versetzt – solche, die zuvor im Verborgenen geblieben und von der Weltöffentlichkeit ignoriert worden waren: „In den Achtzigern gab es in den Charts kaum noch handgemachte Musik. Nirvana haben den Rock 'n' Roll neu erfunden.“ Für eine eigene Szene, meint sie, habe es dann aber nicht gereicht. Vielmehr hätten sie auf die amerikanische Independent-Musik aufmerksam gemacht.

Um halb zwei Uhr nachts lässt auch Ute Ahrends mit ihrer Clique den hell erleuchteten Eingangsbereich hinter sich. Die Pädagogikstudentin, heute 23, ist vor über zehn Jahren durch ihren damaligen Freund auf Nirvana aufmerksam geworden. Noch von der Kälte im Gesicht gezeichnet, fängt sie an auszuholen: „Nirvana kamen für mich direkt nach TKKG und Roxette. Der melancholische Anklang in vielen Liedern hat den Gemütszustand meiner Pubertät sehr gut getroffen.“ Gerade die unterschwellige Verweigerungshaltung habe von so vielen Teenagern nachempfunden werden können. Allein deshalb sähe die Musiklandschaft ohne sie anders aus.

Und tatsächlich: Kurt Cobain ist mehr als der „bekannteste Selbstmörder jüngerer Popkultur“ (Ulrich Baron im Rheinischen Merkur). Der junge Musiker ist der Störfall im Abspann der vermeintlich störfreien Nach-68er. Cobain hat die lediglich 27-jährige Haltbarkeit von Rockpoeten nicht erfunden, sondern bei Jim Morrison und dergleichen abgeschaut. Cobain ist darüber hinaus nicht der Erste, um dessen Tod sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. Cobain schaffte es allerdings als Einziger, in einer rebellenarmen Zeit das Rebellieren neu zu definieren. Sein Instrument hieß Totalverweigerung.

Ein Rückblick auf die anklingenden Neunziger: Ibiza und Aerobic stehen nach dem Ausverkauf der alternativen Lebensentwürfe hoch im Kurs. Die Weltverbesserei der letzten Jahrzehnte scheint längst einer neuen Selbstgerechtigkeit gewichen zu sein. So weit kommt auch Florian Illies, vereidigter Kronzeuge der viel zitierten Generation Golf. Derweil steigen die „New Kids on the Block“ als erste Boyband aus der Retorte, David Hasselhoff besingt den amerikanischen Traum, und Matthias Reim stürmt mit einer weich gespülten Liebesbotschaft die deutschen Charts.

Amerika kämpft am Golf, Macaulay Culkin im Kino gegen Einbrecher und Nirvana einmal mehr um die Gunst von Konzertbesuchern. Sie spielen auf sämtlichen Festivals und im Vorprogramm der namhaften Sonic Youth, werden auf Plakaten jedoch meist als letzte Band genannt. Nach dem 600-Dollar-Debüt „Bleach“ veröffentlichen sie mit „Nevermind“ im September 1991 ein vergleichsweise ruhiges Album. Dennoch ist es um Längen härter als das, was in jenen Tagen den Markt beherrscht.

MTV findet Gefallen an der Single-Auskopplung „Smells like Teen Spirit“ und spielt sie in der höchstmöglichen Rotation. Bereits im Oktober wird „Nevermind“ vergoldet und verdrängt Michael Jackson vom ersten Platz der amerikanischen Albumcharts; zeitweise verkauft die Band mehr als 300 000 Pressungen pro Woche.

Kurt Cobain kommt mit der blitzartigen Popularität nicht klar, flüchtet sich in He-roinexzesse und treibt ein höhnisches Spiel mit den Medien. Sein Leben mutiert zu einem Kampf gegen sich selbst und gegen eine Gesellschaft, die er bereits in Kindertagen zu missachten lernte. Seine Eltern schoben den Ungeliebten mit acht Jahren zu Verwandten nach Aberdeen ab. Einige Jahre später lebt er tagelang unter einer Brücke – von Dosenfisch und Kartoffelchips.

In seinem lautstarken Protest schreit er heraus, was viele Altersgenossen bisher nur leise dachten. Seine Mischung aus vorsätzlicher Provokation, militantem Desinteresse und der Missachtung von gängigen Kleidernormen gefällt denen, die sich im Ellenbogenkampf des Alltags ähnlich desorientiert fühlen.

Nach drei weiteren Veröffentlichungen nimmt sich Kurt Cobain am 5. April 1994 mit einer Schrotflinte das Leben. Ein Elektriker findet ihn Tage später auf dem Fußboden seiner Garage. Angeblich kann er nur anhand der Zähne identifiziert werden.

Zurück im Nachtleben der Domstadt. Gut zwei Dutzend Hartgesottene haben ihre Standhaftigkeit vor der schleichenden Müdigkeit bewahrt. Es ist früher Sonntagmorgen, als das letzte Lied durch die Lautsprecherboxen schallt. Kurt Cobain hätte in seinen besten Jahren noch stundenlang weiterfeiern können. Im Roseclub gilt auch für die Rebellion eine Sperrstunde.

Als sich der Unruhestifter die Kugel gab, war Sebastian Trella sieben. Heute organisiert der Schüler Nirvana-Fans in Deutschland. Eine Freundin hatte ihm vor ein paar Jahren ihre Nirvana-Alben zugesteckt. Der 17-Jährige aus Troisdorf war auf Anhieb begeistert. Spontan entschloss er sich, der Band aus Seattle mit „nirvanafanclub.de“ ein Denkmal im Internet zu setzen. Trella ist überzeugt: „Nirvana sind eine Musiklegende, auch zehn Jahre nach Kurt Cobains Tod. Für viele Musikfans ist er heute noch ein Vorbild, weil er sich keinen Regeln und keinen Normen unterworfen hat.“

Die ungebrochene Faszination kommt für ihn nicht von ungefähr: „Viele Mitglieder schreiben, dass sie sich genau wie Kurt Cobain fühlen. Seine Musik spiegelt ihre Gefühle wider und spendet ihnen Kraft.“ Die Nirvana-Fans werden mehr – und jünger.

Kurt Cobain hat nicht nur den Lebensweg seiner Anhänger mitgezeichnet. Noch immer berufen sich Musiker auf ihn, wenn sie gesellschaftskritischen Anspruch erheben. Für andere hat er das Feld bestellt: Die Echo-Gewinner „Wir sind Helden“ hätten es mit ihren tönenden Aufrufen zum Konsumverzicht wohl nie so weit geschafft, wenn nicht das Plastik-Barbie-Musikgeschäft durch Nirvana aufgebrochen worden wäre.

Und noch was: Wo immer junge Menschen in Jeans und abgewetzten Turnschuhen heute wie selbstverständlich in Konferenzräumen sitzen – ohne die vorauseilende Dreistigkeit eines Kurt Cobain wären sie mit feinem Zwirn besser beraten.

Externe Links: http://www.nirvanafanclub.de/, http://www.nirvana.de/


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